Veränderung bedeutet fast immer auch Ungewissheit. Gerade in Transformationsprozessen sind widersprüchliche Informationen, offene Ergebnisse und instabile Rahmenbedingungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Viele Menschen erleben diese Unklarheit als belastend und reagieren mit Stress oder Rückzug. Doch psychologisch betrachtet eröffnet gerade diese Ungewissheit neue Gestaltungsräume, wenn wir lernen, konstruktiv mit ihr umzugehen.
Ambiguitätstoleranz als Schlüsselkompetenz
In der Psychologie wird diese Fähigkeit als Ambiguitätstoleranz bezeichnet, also die Fähigkeit, mehrdeutige, komplexe oder unklare Situationen auszuhalten, ohne sofort in ein vereinfachendes Schwarz-Weiss-Denken zu verfallen (Maderthaner, 2021). Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz können Spannungen und Unsicherheiten akzeptieren, ohne sich überfordert zu fühlen. Statt vorschnelle Urteile zu fällen, bleiben sie dialogfähig und erkennen, dass gerade in Mehrdeutigkeit neue Lösungsräume liegen.
Die Ambiguitätstoleranz fördert nicht nur psychische Stabilität, sondern auch Kreativität und Innovationsfähigkeit (Myers & DeWall, 2023). Denn wer Mehrdeutigkeit als Ressource begreift, ist in der Lage, Alternativen zu entwickeln und flexible Handlungsoptionen zu nutzen.
Führung in Zeiten der Unsicherheit
Transformation ist selten planbar, aber sehr wohl führbar. Führungskräfte, die mit Unsicherheit konstruktiv umgehen, stärken das Vertrauen in ihre Teams und fördern psychologische Sicherheit (Sackmann, 2017).
Tipps zum konstruktiven Umgang mit Ungewissheit
Praktisch bedeutet das für Unternehmen und Führungskräfte:
- Reflexionsräume schaffen: Teams brauchen die Möglichkeit, Spannungen offen anzusprechen.
- „Sowohl-als-auch“-Denken kultivieren: Mehrdeutigkeit ist nicht Schwäche, sondern eine Quelle von Vielfalt.
- Haltung vor Kontrolle: Statt Sicherheit durch übermässige Steuerung zu erzwingen, entsteht Orientierung durch Werte, Sinn und offene Kommunikation (Brinkmann, 2018).
Ambiguitätstolerante Führung schafft damit eine Kultur, die nicht auf starre Kontrolle, sondern auf Vertrauen und Selbstwirksamkeit setzt – zwei entscheidende Ressourcen für Wandel (Bandura, 1997).
In Zeiten von Komplexität ist nicht Kontrolle entscheidend, sondern die innere Haltung.
Noah Gautschi, Blattvier, 2025
Transformation braucht innere Haltung
Ungewissheit lässt sich nicht vermeiden, denn sie ist die Realität von Organisationen im Wandel. Entscheidend ist deshalb nicht, Unsicherheit zu beseitigen, sondern zu lernen, mit ihr zu leben und sie als Entwicklungschance zu begreifen.
Noah Gautschi, Blattvier, 2025
Mit Blattvier erforschen und begleiten wir die Transformation von Organisationen und Menschen. Wenn ihr mehr über die Transformationspsychologie, die transformative Organisationskultur oder die transformative Mediation erfahren wollt, dann folgt uns auf LinkedIn oder durchstöbert das Blattvier MAGAZIN.
Literatur
Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.
Brinkmann, R. (2018). Angewandte Wirtschaftspsychologie. Springer.
Maderthaner, R. (2021). Psychologie (3. Aufl.). Wien: Facultas.
Myers, D. G., & DeWall, C. N. (2023). Psychologie (4. Aufl.). Berlin: Springer.
Sackmann, S. A. (2017). Unternehmenskultur: Erkennen – Entwickeln – Verändern (2. Aufl.). Wiesbaden: Springer.
Schütz, A. (2022). Psychologie – Eine Einführung in ihre Grundlagen und Anwendungsfelder (6. Aufl.). Springer.


